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Abrechnung mit der Zeit des Kommunismus: Wie etwa Vladimir Dubossarsky und Alexander Vinogradov mit ihrem Bild “What the Homeland Begins With”. 

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Bern und die Schweiz verbindet mehr mit der Russischen Revolution, als man zunächst meinen möchte. Das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee blicken nun 100 Jahre zurück auf die Oktoberrevolution 1917 und folgen mit der aussergewöhnlichen Ausstellung “Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!” der Geschichte der revolutionären Kunst. swissinfo.ch hat mit der Kuratorin des Kunstmuseums Bern, Kathleen Bühler, über den einseitigen Blick des Westens, über Propaganda und Kitsch sowie die politische Bedeutung der Künste gesprochen.

swissinfo.ch: Die Oktoberrevolution in Russland 1917 hat die russische Gesellschaft erschüttert. Eine jahrhundertealte zaristische Herrschaft wurde gestürzt, beendet. Warum ist das ein Thema in einem Schweizer Kunstmuseum?

Kathleen Bühler: Die Revolution hat nicht nur die russische Gesellschaft erschüttert. Sie hat die ganze Welt erschüttert. Themenausstellungen sind immer eine gute Gelegenheit im Rückblick auf die Geschichte, im Rückblick auf die Kunstgeschichte, eben auch über unser heutiges Verhältnis zu diesem Thema nachzudenken. Wie betrifft dies uns als Gesellschaft? Und die Frage nach der Aufteilung zwischen dem kommunistischen, sozialistischen Teil der Welt und der kapitalistischen Welt, diese Spaltung ist heute wieder von einer grossen Dringlichkeit. Es waren aber verschiedene Fragen ausschlaggebend, die zu diesem historischen Ereignis gehören, diese Ausstellung auf die Beine zu stellen.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Propaganda und Kunst? Das wollte swissinfo.ch von Kuratorin Kathleen Bühler wissen.

swissinfo.ch: Die politischen Bewegungen hinter Trump und Brexit betrachten sich heute auch als Spitze eines internationalen Aufbegehrens. Kommt die Idee für diese Ausstellung aus diesem aktuellen Bezug?

K.B.: Absolut. In einem Kunstmuseum darf man nicht nur kunsthistorisch argumentieren. Die Kunst ist der Ort, wo die Phantasie ihren Raum findet, wo die Hoffnungen zensuriert oder unzensiert ihren Ausdruck sucht. Es gab seit den 30er-Jahren das klassische Urteil im Westen, dass die stalinistische Kunst, der sozialistische Realismus eben gar keine Kunst, sondern nur Propaganda und damit Kitsch sei. Ich fand es wichtig, diese Kunst als Kunst ernst zu nehmen und genau hinzuschauen, wo sich in diesem von oben verordneten Programm die kleinen Freiheiten befinden könnten, wo vielleicht eben ein Bild mehr sagt als tausend Worte. Und wo der Moment beginnt, wenn Künstler es schaffen, ihre Skepsis am von oben verordneten Weltbild anzubringen.

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Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!

Zum 100. Jahrestag der Russischen Oktoberrevolution von 1917 widmen das Zentrum Paul Kleeexterner Link und das Kunstmuseum Bernexterner Link diesem Ereignis die Ausstellung «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!». Die einzige Ausstellung im Revolutionsjahr, die sowohl den Ausgangspunkt – die Abstraktion als künstlerische Idee und die ästhetische Revolution im Konstruktivismus – zeigt, als auch die Auswirkungen der Revolution auf die Darstellung der Realität in der Kunst und die kritische Auseinandersetzung mit ihr. Die Ausstellung dauert vom 13. April bis zum 9. Juli 2017.

swissinfo.ch: Es gab damals in Russland heftige Diskussionen über die soziale und politische Bedeutung der Künste. Die russische Avantgarde war sehr interdisziplinär und wollte das ganze Leben durchdringen.

K.B.: Die Künstler der Avantgarde waren meistens von Anfang an bereit, sich in den revolutionären Umbruch der Gesellschaft einzubringen, alle wollten dazu beitragen, dass sich die Gesellschaft verändert, ein neuer Mensch, ein neues Leben, eine neue Umgebung entstehen.

swissinfo.ch: Die Kunst – auch in der Schweiz – wird sehr stark kommerzialisiert. Wir kennen die grossen Messen, sie entfernen sich von der Realität, und wenn Kunst politisch ist, wird sie nicht selten von der Politik bestraft.

K.B.: Unser kapitalistisches System hat den Kunstmarkt befördert, und in diesem werden die Fetische gehandelt. Aber daneben gibt es auch die Kunst, die sich nicht verkaufen lässt, die dann installativ ist oder in die sozialen Prozesse eingreift, und dort werden die wirklich gesellschaftlich wichtigen Fragen verhandelt. Ich denke, es gibt keine Kunst, die nicht politisch ist, auch die Abstraktion ist politisch. Auch ein Künstler, der eine unpolitische Kunst macht, handelt politisch, weil er sich dem Kommentar verweigert. Jede Behauptung, die man in der Öffentlichkeit äussert, hat politischen Charakter. Es geht darum, dass man seine Werte kundtut, sein Weltbild zeigt, es teilen oder sogar jemanden dadurch beeinflussen möchte.

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swissinfo.ch: Wie hat sich die vorbereitende Arbeit mit den russischen Kollegen gestaltet?

K.B.: Es war ein bisschen schwierig bei der Auswahl der Werke, weil die Kunstmuseen in Russland anders funktionieren. Es ist zum Beispiel nicht üblich, dass die Datenbanken online sind, und man einfach durchschauen kann, was es gibt. Sondern wir mussten auf das, was schon im Westen gezeigt wurde, zurückgreifen. Trotzdem zeigen wir zum Beispiel eine phantastische Auswahl von Werken von Alexander Deineka. Deineka wurde noch nie in der Schweiz gezeigt, zumindest nie in diesem Umfang und in dieser Qualität. Wir haben eine wunderbare Auswahl von Malewitsch. Wir zeigen im Zentrum Paul Klee den abstrakten Teil und bei uns im Kunstmuseum Bern den späteren eher figürlichen Teil seines Schaffens.

Links: Komposition, 1922, von László Moholy-Nagy (1895 – 1946). Rechts: Suprematistische Komposition, 1915, von Kasimir Malewitsch (1878 – 1936).

swissinfo.ch: Was wollen Sie eigentlich mit dieser Ausstellung der Welt mitteilen?

K.B.: Ich wollte, dass wir uns nochmals dieses Verhältnis anschauen, das im Westen seit 100 Jahren unwidersprochen war, dieses Verhältnis zwischen Abstraktion und Realismus. Sowie die Meinung hinterfragen, dass der sozialistische Realismus nur Propaganda und gar keine Kunst sein soll. Denn nach dem Zusammenbruch der UdSSR kamen viele Künstlerinnen und Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken auch in die internationale Kunstszene, und verlangten mit Recht, dass auch ihre künstlerische Vergangenheit ernst genommen wird.

swissinfo.ch: Als ich dieses Plakat zur Ausstellung zum ersten Mal sah, war ich irritiert. Die Russische Revolution war eine unermessliche historische und menschliche Tragödie, zusammen mit der kurzen Renaissance der russischen Avantgarde erfolgten auch die Repressionen, Massenhinrichtungen und Deportationen. Auf den sog. “Philosophischen Dämpfern” wurden die besten russischen Künstler und Intellektuellen einfach ins Ausland abgeschoben. Es mag sein, dass es eine künstlerische Ausstellung ist, aber der historische Kontext darf nicht fehlen. Was wurde gemacht, um die historische Perspektive dieser Kunst kritisch zu veranschaulichen, damit die Leute, die ins Museum kommen, die Revolution nicht einfach als einen lustigen Spaziergang wahrnehmen?

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K.B.: Was Sie einwenden, betrifft alle Ausstellungen, die in diesem Jahr stattfinden. Es ist auch ganz klar, dass man jeder Naivität entgegentreten muss. Wir haben dieses Motiv gewählt, weil es auch die Frage an die jüngere Generation stellt: ‘Seid ihr eigentlich noch bereit für eine Revolution? Oder reicht es euch schon, dass ihr eine gute Freizeit habt?’

Wir wollten zeigen, dass Revolutionen im Grunde auch ein Aufstand der jüngeren Generation gegen die etablierten Leute sind, die ihren Platz in der Gesellschaft bereits gefunden haben. Für mich war es auch zum ersten Mal eine Gelegenheit, mich intensiv mit der Geschichte der UdSSR zu beschäftigen. Vieles ist immer noch nicht aufgearbeitet worden in Russland. Daher gehen wir vom künstlerischen Phänomen aus, aber es ist immer ein Anlass, über die historischen Hintergründe zu sprechen.

swissinfo.ch: Gut, dass Sie diese Problematik ansprechen. Die Frage der Jugend. Die Frage, ob sie bereit wäre zur Revolution. Ende März haben wir in Moskau erleben können, dass die Jugend, die rund um das Jahr 2000 geboren worden war und nichts anderes gesehen hat als das gegenwärtige politische Regime, sich plötzlich aufgelehnt hat und auf die Strasse gegangen ist. Meine Frage ist aber die: Gab es auch politisch gefärbte Bedingungen für den Erhalt der Leihgaben aus Russland? Denn Sie haben gesagt, jede Kunst sei Politik, sogar Neutralität sei eine politische Haltung?

K.B.: Es gab zwar keine offiziellen Einschränkungen, doch gab es Momente, in denen wir verstanden haben, dass wir diese Werke mit allem Ernst und aller Sorgfalt behandeln. Von den beiden Künstlern Alexander Vinogradov und Wladimir Dubossarski wollte ich beispielsweise eine witzige, obszöne Verballhornung eines Kolchose-Erntedankfestes zeigen, das ich vor drei Jahren in Moskau gesehen habe.

Wäre es eine harmlose, übermütige Überdrehung einer bekannten Bildformel, die wir seit den 1940er-Jahren kennen und ich hätte dieses Bild, dieses riesige, 3×4 Meter grosse Gemälde sehr gerne gezeigt. Es ist in den 90er-Jahren entstanden, in denen die neue Freiheit ausgekostet wurde – und ja, es ist mit einem gewissen Kitsch, mit einer Sehnsucht nach Glamour, verbunden. Aber wir haben dann festgestellt, dass unsere anderen Leihgeber diesen Witz nicht gutheissen. Also haben wir andere Gemälde dieser beiden provokanten Künstler genommen. Die Erntedankszene ist nur im Katalog abgebildet.

Textilfabrik, 1929, von Alexander Samochwalow.

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swissinfo.ch: Zurück ins Jahr 1915. Sie haben das schwarze Quadrat von Malewitsch erwähnt, es ist eine Ikone in der Kunstgeschichte. Sie haben auch die Vielfalt der Positionen in dieser Ausstellung angesprochen, die an sich einzigartig ist. Was ist aus ihrer Sicht die Schlüsselposition, wenn Sie ein Werk nennen müssten und warum?

K.B.: Eines der Schlüsselwerke für mich ist eines der Multimedia-Künstlerin Yael Bartana. Eine israelische Künstlerin, die 2007-2011 eine Trilogie mit dem Titel “And Europe will be stunned” (“Und Europa wird überrascht sein”) gedreht hat. Es handelt sich um eine Auftragsarbeit für den polnischen Pavillon an der Biennale von Venedig. Die Arbeit macht in drei Teilen das Gedankenexperiment, dass jemand in Polen die Juden nach Polen zurückruft. Diese kommen und bauen wieder eine Stadt auf und am Schluss wird der Mann, der sie zurückgerufen hat, umgebracht und betrauert.

Bartana spielt das Gedankenexperiment durch, sie zeigt, wie es wieder schief kommt, und sie zeigt es in der Filmsprache der Russischen Revolution. Sie benutzt die gleichen dynamischen Kameraeinstellungen, diesen Blick von unten auf die jungen hoffnungsvollen Gesichter, um die Hoffnung, die mit einem revolutionären Aufbruch verbunden ist, zu visualisieren. Die Trilogie ist unglaublich eindrücklich und mitreissend. Obwohl wir wissen, dass diese Filmsprache mit diesen historischen Tragödien verknüpft ist, sind wir wieder elektrisiert und ahnen gegen Schluss, dass wir wieder auf denselben Leim kriechen.

Ein Kunstwerk, das es vermag, uns so zu emotionalisieren und uns gleichzeitig einen solchen Schrecken einjagt, ist einfach genial. Meiner Meinung nach ist dies eine wichtige Aufgabe heutiger Künstlerinnen und Künstler, weiterhin am Bewusstsein zu arbeiten.

Die Ausstellung eröffnet am 13. April und dauert bis am 9. Juli 2017.

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